Samstag, 8. Juni 2013

..."um zu" oder Die Ebenen der Absicht

Unser Verstand ist ein wirklich wertvolles Instrument zum Erfassen und Lösen von Problemen.
Solange WIR ihn benützen und nicht ER uns.
Jeder kennt diesen Moment: Das Leben stellt dir eine Herausforderung, der du mit deinen üblichen Methoden und Werkzeugen nicht begegnen kannst, da sie in diesem speziellen Fall wirkungslos sind. Also fängst du an, die Situation zu analysieren. Dann überlegst du, was du tun oder lassen könntest um die Lage zu "bereinigen", d.h. letztlich möglichst schnell alles in einen Zustand zu überführen, der für dich angenehm und unproblematisch ist.
Lästigerweise funktioniert das in gewissen Fällen nicht. Also denken wir intensiver nach, holen uns Rat, probieren andere Lösungsansätze. Oft ist damit der Bann gebrochen. Aber dann gibt es noch diese gewissen Dinge, die sich als vollkommen lösungsresistent erweisen....
Unsere Pferde sind Meister darin, uns mit solchen Geschichten zu konfrontieren.
Während sie unbeirrt den Impulsen aus der Tiefe ihres Wesens folgen -was auch immer das sein mag, oft konfrontiert es uns mit extrem belastenden, emotionsgeladenen Situationen - beginnen wir uns in unserem eigenen Gedankenkarussell zu drehen, bis uns schwindlig wird. Die Gehirnakrobatik bekommt einen Eigendynamik, die Denkerei beginnt mitunter sogar, uns den Schlaf zu rauben. Wir sind nicht mehr Herr über unser Denken, sondern der Verstand hat uns die Karotte vor die Nase gehalten, dass er der einzige sei, der uns - in dieser "verzweifelten Lage" - noch Rettung und Lösung bringen könne. Und wir Esel folgen ihm in blindem Vertrauen, obwohl sich nichts in die richtige Richtung bewegt, obwohl unsere Lebensfreude schon arg gelitten hat, obwohl wir mittlerweile "alles probieren" und letztlich in blindem Aktionismus irgendwas tun. Manche suchen ihr Heil in der 25-sten Trainingsmethode, andere haben eine Zusatzfuttermittelliste die sich liest wie das who-is-who der Gesamtheit der möglichen Nahrungsergänzungsstoffe, wieder andere beschäftigen eine Heerschar von Therapeuten... Das Ausmaß der Verzweiflung steht dabei in direkt proportionalem Verhältnis zu den "Hab-ich-schon-Probiert"s.

Wir wollen etwas TUN, UM die Lage ZU bereinigen.
Das ist unsere Absicht, dazu verwenden wir unsere geistige i.e. verstandesmäßige Kapazität. Funktioniert ja auch oft.
Was aber, wenn nicht? Warum machen wir weiter, immer auf dieselbe Art und Weise?
Eine Definition von Verrücktheit besagt, dass etwas immer wieder auf dieselbe Art versucht wird, obwohl offensichtlich ist, dass es so nicht funktioniert...
Unser Verstand hat uns - Hand in Hand mit unserem Ego, das den Wahn in uns nährt, wir hätten prinzipiell mit unserem Kopf die Kontrolle über das Leben und seine Geschehnisse - so die Sicht vernebelt, dass wir gar nicht mehr darauf kommen, einen andere Ebene unseres Wesens einzubeziehen.
Unsere emotionale, seelische und spirituelle Kompetenz wird weder abgefragt und noch ausgebaut.
Dabei können wir auf all diesen Wegen unser Pferd viel besser erreichen als mit dem Hirn!

Allerdings muss ich nun meine Absicht, quasi die Prämisse für mein Handeln, überprüfen. Denn wenn sich eine Geschichte als so hartnäckig erweist, kann es sein, dass mein Bestreben ("es soll alles wieder so sein wie vorher" oder "ich will einfach meine Ruhe und mich wieder entspannen") das eigentliche Ziel weit verfehlt.   Also einen Stock tiefer, in die emotionale Schiene: "Ich will wissen, wie du dich fühlst, denn dann kann ich dich verstehen." Das ist etwas, das sehr viele Pferd schon enorm glücklich macht. Der Moment, in dem ihr Mensch sich wirklich auf sie einlässt und sein Herz aufmacht, ist für sie das, worauf sie so lange gewartet haben. Viele, viele Dinge werden auf dieser Ebene aufgelöst und es ist für mich immer wieder ein besonderer, so berührender Moment bei meiner Arbeit, wenn ich das miterleben darf.
Die Frage, die du hier gestellt hast, heißt eigentlich "WER BIST DU?"
Und aus ganzem Herzen gestellt, eröffnet sie den Fluss des Mitfühlens, der die Basis der liebevollen Verbindung zwischen den Lebewesen ist.

Aber ab und zu können wir mit unsern Pferden noch weiter gehen. Da ist noch etwas, das uns weit über die Grenzen der Kommunikation zwischen zwei Spezies hinaus trägt. Auf dieser Ebene geht meine Absicht nicht mehr in Richtung von verstehen oder fühlen. Vielleicht könnte man sagen, dass sich hier alle Absicht auflöst. Das Tor zu diesem Zustand öffnet die Frage "WAS BIST DU?"
Wenn Mensch und Tier zusammen dieses Tor durchschreiten, löst sich alles auf.
Keine Gedanken, keine Fragen, keine Absicht mehr. Nicht einmal mehr ein Du und Ich.
Mir sind diese Momente heilig. Da ist nur mehr das Leben an sich. Reines Sein.

Ich durfte in den letzten Wochen einige solche Augenblicke erleben. Manche sagen, dass sei die Energie der Zeit, die diese Verbindung zwischen den Lebewesen begünstigt.
Wenn es so ist, dann leben wir in einer guten, in einer großen Zeit. Wir sollten ihr Geschenk annehmen und unsere Möglichkeiten ausschöpfen.
Manchmal muss man einfach aufs Ganze gehen, um mitten im Honigtopf zu landen.

Mittwoch, 5. Juni 2013

...ich treff dich dort

jenseits von gut und böse

abseits des weges
unserer ideen
darüber was richtig ist und falsch
da wächst ein feld -
ich treff dich dort
Elisabeth Wendt, Amor vincit omnia et nos cedamus amori (Blog), nach einem Gedicht von Rumi
So treffend, so klar formuliert wie hier von meiner besten Freundin Nira (Elisabeth; übersetzt von einem Gedicht des persischen Dichters Rumi), klingt es, als müsste man nur ein paar kleine Schritte machen und schon begegnet man sich selbst und dem anderen auf dem freien Feld des Lebens. 
Ich denke, so ist es letztendlich auch. Die Wahrheit liegt meist nur einen Steinwurf von uns entfernt. 
Das Problem ist, dass wir meist nicht einmal bemerken, dass wir uns alte, ausgetretene Pfade entlangschleppen. Wir haben diese Wege so sehr als einen Teil unseres Wesens akzeptiert, dass wir ihre Existenzberechtigung nie mehr überprüft haben. Wir haben sie einfach als unantastbare Prämissen für unser Denken, Fühlen und Handeln eingesetzt und über die Jahre vergessen, dass wir uns die Grenzen unseres Spielraumes ja irgendwann selbst gesetzt haben. In bester Absicht und nach bestem Wissen und Gewissen...und genau unserem damaligen Entwicklungsstand entsprechend.
Und wie die Jahre so ins Land gehen und das Leben uns mit immer neuen Anforderungen, Herausforderungen und Erkenntnissen konfrontiert, verändern wir uns, dehnen uns, wollen wachsen und eine andere Form annehmen. Doch eingequetscht in das nun zu enge Korsett unserer Denkmuster  von einst im Mai können wir uns nicht ausbreiten. Wir stoßen permanent an unsichtbare Grenzen und das verursacht Schmerz. Und da wir die einengenden Begrenzungen unserer Konzepte und altgedienten Vorstellungen so sehr verinnerlicht haben, blendet unser Verstand sie einfach aus. Damit sind sie unserem inneren Auge, unserem Bewusstsein unsichtbar geworden und wir verstehen einfach nicht, warum wir wieder und wieder an die Schmerzgrenze gelangen oder - selbst wenn es gerade nicht weh tut - uns ein unterschwelliges Gefühl von Enge und Unwohlsein begleitet. Unser Unterbewusstsein vermerkt, dass da etwas nicht stimmt und - obzwar es das Problem nicht benennen kann - schickt es uns Nachricht von den Ungereimtheiten durch unsere Gefühle. 
Wenn wir beginnen mit unserem Bewusstsein der emotionalen Fährte zu folgen, die unser Unterbewusstes uns gelegt hat, nimmt unser Blick irgendwann den Weg wieder wahr. Plötzlich wird die ausgetretene Spur, der wir mit gesenktem Kopf und Tunnelblick wie auf Autopilot folgen, sichtbar, unsere eigenen Fußstapfen von vor so langer Zeit. Heben wir dann den Kopf, fällt uns die blühende Landschaft nebenan auf, das Feld unserer ungenutzten Möglichkeiten, das da links und rechts von unserer Strecke wächst. Wie aus einem viel zu langen Schlaf erwacht schauen wir uns um und entdecken tausend neue Horizonte, die es zu entdecken gibt.
Nur noch drei, vier Schritte und ich bahne mir meinen neuen, noch nie beschrittenen Pfad durch die goldgelben Kornfelder dessen, was ich auch alles bin.
Für Nira

Montag, 3. Juni 2013

Beim nächsten Pferd wird alles besser...

Um etwas zu überwinden, um es tatsächlich hinter dir zu lassen,
musst du es erst völlig durchdringen und ganz in Besitz nehmen.
Sonst ist es kein Hinter-Dir-Lassen - sondern eine Flucht.
Und die Geschichte heftet sich an deine Fährte wie ein Raubtier an die Spur seiner Beute.

Vor mir steht eine Damen mittleren Alters, freundlich, intelligent - und völlig entnervt.
"Da hab' ich extra mein vorheriges Pferd verkauft, weil es einfach so anstrengend und unmöglich war, und jetzt fängt DER auch so an...das ist doch nicht zu fassen!"
Eigentlich ein Klassiker.
Das Pferd macht eigenartige/verrückte/gefährliche Sachen, man versucht gegenzusteuern, man leidet, man kämpft...und gibt schließlich auf und trennt sich von dem unmöglichen Tier. Überzeugt davon, beim letzten Mal die falsche Wahl getroffen zu haben, macht man sich voll Enthusiasmus auf die Suche nach einem neuen Pferd, sucht es danach aus, dass es die unerwünschten Eigenschaften des Vorgängers bestimmt nicht hat - und landet trotzdem wieder an einem Punkt, an dem das Tier irgendwelche unbequemen, unerwünschten, anstrengenden und frustrierenden Verhaltensweisen zeigt.
Abgesehen davon, dass es manchmal einfache, logische Erklärungen für die anstehenden Probleme gibt (so z.B. dass es nicht wirklich selten vorkommt, dass der erst 8-jährig kastrierte Bursche, der seine Jugend mit anderen wilden Kerls auf der Hengstweide verbracht hat, auch später, als Wallach, im Herdenverband ein überaus dominantes und evtl. grobes Sozialverhalten zeigt) gibt es auch eine subtilere Ebene, auf der die Weiterführung von bestimmten Themen stattfindet.
Es geht dabei um eine Erscheinung, die oft mit dem sog. Gesetz der Resonanz beschrieben wird.
Das bedeutet, dass etwas in dir aus für deinen Verstand zumeist völlig unerfindlichen Gründen bestimmte Situationen, Dramen, Gefühle usw. magisch anzieht wie das Licht die Motten.
Gewisse noch ungeklärte Strukturen in deinem Inneren senden quasi bestimmte Energiefrequenzen aus, die ähnliche Schwingungen anziehen, die also mit Lebewesen oder Situationen in Resonanz geht, die an demselben Thema dran sind.
Eigentlich eine gute Sache, denn nur durch das tatsächliche Verstehen und durch das vollkommene Durchdringen der Hintergründe in deinem Inneren kannst du diese energetischen Knoten ein für alle mal lösen. Und davor hat dich die Geschichte am Schlawittchen, ob du willst oder nicht.
Viele reagieren empört und verwehren sich gegen den "Vorwurf", dass es ihre Schuld sei, dass ihr Pferd austickt oder sonst irgendwelche absurden Macken entwickelt.
Zunächst einmal muss hier in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass das ganze nichts, aber auch gar nichts mit  Schuld zu tun hat. "Schuld" ist ein Konzept, dass uns genauso an ein Thema bindet wie Angst, Verzweiflung oder Hass.
Trotzdem...irgendwas hat die Geschichte mit dir zu tun, und sei es, dass dir dadurch aufgezeigt wird, dass du gewissen Problemen in dir selbst lieber ausweichst statt dich ihnen zu stellen.
Meine Stute Maritella war in ihren jüngeren Jahren überaus aggressiv, wild und unkontrolliert. Ihre Züchterin, eine erfahrene Pferdefrau, von der ich viel lernen durfte, war sehr erstaunt, als ich ihr von den immer weiter eskalierenden "Kämpfen" erzählte, die sie mir und allen, die mit ihr zu tun hatten, lieferte. Sie hatte das Pferd nämlich stets als munteres, aber zentriertes und freundliches Wesen erlebt, eigentlich völlig unkompliziert.
Ich aber hatte einen feuerspeienden Drachen vor mir.
Fast alle um mich herum, Freunde Tierärzte, Pferdetherapeuten und Trainer, rieten mir, den "Killer" loszuwerden.
Ich kann nicht behaupten, dass ich das nicht zeitweise liebend gerne getan hätte...
Irgendwann sagte dann die Pferdekörpertherapeutin Annette Fellner - mittlerweile eine liebe Freundin, damals ein verzweifelter Versuch, doch jemanden zu finden, der mir mit meinem Monster weiterhilft - den für mich entscheidenden Satz: "Wenn jemand wie du so ein Pferd bekommt, dann hat das was zu bedeuten und das heißt, dass du auch eine Lösung hast."
Nicht dass ich irgendeine Ahnung gehabt hätte, was sie meint, heulend und mit grünblauen Flecken in Hufabdruckform übersät, wie ich war. Aber irgendwas in mir hat sich an diesem Satz aufgehängt und mich nicht mehr vom Haken gelassen.
Damals habe ich angefangen, die Energiearbeit, die ich in Indien gelernt hatte, auf Pferde umzulegen.
Wenige Monate später hatte sich die Situation erheblich entspannt.
Den wirklichen Durchbruch hatten meine Maritella und ich allerdings erst, als ich begann, mich mit meinem eigenen Umgang mit Aggression zu beschäftigen. Der war nämlich vollkommen erstickt in einem räucherstäbchengeschwängerten, weichgespülten Ideal von Ausgeglichenheit und Gutmenschentum - und einem nicht unerheblichen Maße an Selbstherrlichkeit, weil ich mich ja so toll "zusammenreißen" kann.
Heute weiß ich, dass sowas der Tod jeder wirklichen Erkenntnis, jedes tatsächlichen Aufarbeitens ist.
Bevor man etwas loslassen kann, muss man es erst fest in die Hand nehmen und es sich ungefiltert und ungeschminkt so ansehen, wie es augenblicklich eben ist. Nicht beurteilen (und schon gar nicht verurteilen!), nicht angewidert zurückweichen, eigentlich gar nix tun, außer hinschauen.
Und feststellen "So ist es. Das fühle ich. So handle ich."
Erst dann kommt der Schritt, in dem man sich dagegen entscheiden kann, so weiter zu machen, erst dann ist es Zeit, loszulassen.
Letztendlich bin ich ein bisschen "wilder" geworden und mein Pferd ist ein freundliches, zugängliches Mädel mit einem, nun, "angemessenen Quentchen Pfeffer im Arsch".
Wir sind uns da gar nicht so unähnlich, denke ich.
Ich meine keineswegs, dass jede Tortur endlos auszudehnen und mit "Sinn" zu überfrachten ist. Manchmal heißt die Erkenntnis eben aufhören, aufgeben, scheitern. Auch das sind wichtige Elemente in unserem Leben, auch das muss man lernen dürfen. Aber egal, worum es letztlich geht, zu allererst muss ich mich mit dem konfrontieren, was da ist, und was ich mir möglicherweise nicht eingestehen und anschauen will.
Mitunter braucht es da eben vier Hufe und einen gewaltigen Sturschädel, um sich uns solange in den Weg zustellen, bis wir aufhören, abzuhauen.
Hat doch was, wenn das Fluchttier das Raubtier ausbremst, oder? ;-)

Freitag, 24. Mai 2013

Der sterbende Schwan oder My private Waterloo

Man sagt, dem Anfängergeist wohnt ein besonderer Zauber inne. Man sagt, dass man sein Leben lang ein Lernender sein soll. Man sagt, dass das Leben der beste Lehrer ist.
Ich sage: Stimmt.
Geist, Seele und Körper blühen auf, werden angeregt und geschult durch neue Eindrücke und Erfahrungen.
Ich habe noch einen Aspekt von unglaublicher Dynamik entdeckt, der besonders aktiv wird, wenn du etwas lernst, was du definitiv und prinzipiell noch nie gekonnt hast und wozu du auch keinerlei Talent hast: Dein Ego stirbt tausend Tode, und wenn du Glück hast, krepiert ein kleiner Teil davon schlussendlich für immer. Allerdings nicht ohne sich vorher heftig zu wehren.
Die Geschichte meines ganz privaten Ego-Waterloo beginnt an einem trüben Donnerstag, der nur erhellt wird von der Erkenntnis, dass es Zeit ist.
Zeit, etwas für den eigenen Körper, für die Harmonie von Leib und Seele zu tun.
Nun hab ich in den letzten Jahren gelernt, dass es ratsam ist, auf intensive Impulse aus den Tiefen der eigenen Seele zu hören. (Klingt nach spiritueller Erkenntnis, hat aber viel mit der praktischen Erfahrung zu tun, dass meine Seele, wenn ignoriert, zum Holzhammer greift, um mir ihre Anliegen nahe zu bringen...)

Nach sorgfältiger Erwägung aller meiner Möglichkeiten - Zirkeltraining entbehrt jeglicher geistig-seelischer Dimension, Ausdruckstanz wär möglich, aber ganz ehrlich...ich weiß ja nicht...- ist mir mit einem Mal sonnenklar, was ich tun möchte.
Ich lerne T'ai Chi. Und Qi-Gong. Schöne, geschmeidige Bewegungen in gemäßigtem Tempo und mit meditativem Geist. Großartig.
Außerdem gehe ich davon aus, dass der Lehrer solch wundersamer Künste - da von oben erwähntem meditativen Geiste beseelt - eine Engelsgeduld hat. Die wird er brauchen mit seiner neuen Schülerin, soviel ist selbst bei wohlwollendster Betrachtung meiner Balancefähigkeit klar.
Gut.
Ich erspare dem geschätzten Leser im folgenden eine ausführliche Beschreibung meines privaten Schlachtfeldes, wo sich Wille gegen Körper, und dann, in plötzlicher unheiliger Allianz, die beiden zusammen gegen meinen Stolz, meine Würde und ansatzweise gar gegen mein Selbstwertgefühl wenden.
Selbst die tatsächlich engelsgleiche Geduld und die kompetente Anweisung des Meisters können nichts daran ändern: Ich kann nicht wirklich auf einem Bein stehen. Entweder ich wackle hin und her wie ein Lämmerschwanz oder ... ich fall' einfach um.
Wodurch ans Tageslicht kommt, was mein Ego so gerne verborgen hätte: Was dem begabten T'ai-Chi-Studenten sein Kranich, ist mir Bewegungslegastheniker ein sterbender Schwan. Und mein Schwan ist nicht etwa in Schönheit im Kampfe gefallen, oh nein. Der ist an der Vogelgrippe verreckt. Kommt ja bekanntlich auch aus China.
Selbst mein kleiner Sohn, der mir später, zuhause, alleine im stillen Kämmerlein beim Üben zuschaut, fragt mich mit gerunzelter Stirne:"Mama, können das die anderen Kinder besser?"
Ja. Alle. Und zwar ausnahmslos alle, sage ich während ich mich wie ein Häufchen Elend an die Wand lehne und zu Boden rutsche.
Mitleidig klopft er mir auf die Schulter und sagt dann: "Macht nix. Wir können ja üben."
Und das tue ich seitdem. Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken. Ich habe aufgehört, mich mit meinem Willen zwingen zu wollen. Ich habe aufgehört, mich zu vergleichen und die geschickten Kampfsportschüler, die manches Mal mit uns mitüben, im Geiste Taekwondodos zu nennen. Ich habe aufgehört, mich zu genieren.
Und ich habe angefangen, zu genießen. Ich lache, ich spür mich, ich wachse langsam, ganz langsam über meine eigenen ach so engen Grenzen hinaus.
Soll das Ego doch vor die Hunde gehen. Irgendwann fliegt selbst mein Kranich gen Himmel!

Dienstag, 21. Mai 2013

Seelenwäsche

Im Garten spannt sich eine Wäscheleine
vom Kirschbaum hin zum kleinen Gartenhaus.
Auf dieser Leine, endlos lang,
die Reihe der Gewänder,
in die sich die Geschichten hüllen,
die ich mir von mir selbst erzähle.
Ich setz mich auf die kleine Gartenmauer
so wie ein Salamander in die Sonne
und spür die großen Steine
wie sie mir meine Füsse wärmen.
Und schau mir die Gewebe an
die fein gesponnenen und groben
und hör mir an, wie sie behaupten
zu wissen wer ich sei.
Das grüne Kleid, zu teuer aber wunderbar,
getragen auf der Hochzeit einer Freundin
um schön, schön, schön und ganz die Königin in meinem Reich zu sein.
Das schwarze, ausgebleichte Leinenhemd,
das mir erzählt, wie lang ich schon Geschichten meiner Traurigkeit mir selber glaube.
Die weiße Weste der Empörung,
die ich so gerne trage, wenn mir - ich armes Unschuldslamm -
die bösen Menschen übel mitspiel'n.
Und dann das große bunte Tuch
mit grünen Schmetterlingen drauf
das da vom Wind gebauscht und flatternd
von einem Waldspaziergang weiß,
der mich so glücklich macht.
Mit einem kleinen Lachen steh ich auf
und hab gesehen, was ich bin und wer ich gern zu sein glaubte
und gehe endlich heim
so federleicht und seelenbarfuß durch das grüne Gras.


Montag, 17. Dezember 2012

...innen Granit

Ich bin auf einen blinden Fleck gestoßen.
Ist sicher nicht mein einziger, aber den einen, den hab ich erwischt.
Und zum ersten Mal war mir so richtig klar, warum uns das Leben manchesmal an die absoluten Grenzen unserer Belastbarkeit/Geduld/Hilfsbereitschaft etc.pp. bringt: Dort, jenseits der Demarkationslinie unseres wohlkonzertierten Bewußtseins, gleichsam im wilden Wilden Westen unseres Selbst, liegen sie, die Untiefen, die (zumindest dem Ego) todbringenden Klippen. Da, im unkultivierten, "unethischen" - das heißt nicht moralisch gefilterten- Unterbewußten, da beißen wir plötzlich auf Granit.
Es ist als ob der innere Steuermann, erschöpft durch Krankheit, Überforderung oder einfach dem Leben an sich, das Ruder losgelassen hätte. Und plötzlich taumelt unser vermeintlich seefester Ozeanriese wie eine kleine Nußschale in den Wellen, hier- und dahin gezogen von den Strömungen, nicht mehr imstande, Widerstand zu leisten. Und schließlich werden wir hineingezogen in das gefährliche, unkontrollierbare Wasser beim Riff, mit seinen Untiefen und tückischen Klippen, die nur darauf warten, dass unser so fein gefügtes Selbstbild an ihnen zerschellt.
Das ist der Moment, wo wir beinhart und gnadenlos sind mit denen, die wir eigentlich lieben.
Unser sonst allgegenwärtiges Verständnis und Mitgefühl scheint an diesem Ort nicht zu existieren. Nichts Warmes, Liebevolles kann uns dorthin folgen, und nichts außer eisiger Kälte geht an diesem Ort von uns aus.
In meinem Meer aus Gefühl, Verständnis und Liebe baut sich ein Felsen aus Kälte auf, ist...innen Granit.
Aber worauf gründet dieser Fels? Warum kann er dort existieren?
Meist sind wir so entsetzt von diesen Bereichen unserer Seele, dass wir so schnell wir können Reißaus nehmen, uns wieder in die sicheren Gestaade unseres Bewußtseins begeben und die Begegnung mit unserer eigenen Hölle als schrecklichen Ausrutscher, der nie wieder vorkommen soll, deklarieren.
Aber wenn wir so müde, so bis in die Knochen erschöpft sind, dass wir einfach nicht mehr davonrennen können vor diesem Ort, dann bleiben wir manchesmal lange genug stehen und starren den Granitbrocken in unserer Seele an. Und plötzlich können wir ihn sehen, den Urgrund für den blinden, den toten Fleck in uns selbst.
Es ist Schmerz. Es ist immer Schmerz.
Und unser Auftrag, gegen den wir uns so gewehrt haben, zu dem man uns gleichsam zwingen musste, ist uns selbst da abzuholen. Das kleine Kind, der abgerackerte Mann, die nicht gewürdigte Mutter, die verspottete Freundin, der im Stich gelassene Kollege, der von der Welt vergessene alte Mensch in uns, egal welcher Teil auch immer, der nicht von uns gesehen werden wollte in seiner Verletztheit, steht da auf der Klippe im Eismeer und verströmt Kälte, während er selbst erfriert.
Hol ihn da raus.
Schau ihn einfach an, den Teil von Dir, der nicht in das Konzept - Dein Konzept! - vom netten, klugen, entspannten, selbstsicheren usw. Menschen gepasst hat, der Du sein möchtest. Schau ihn an, den Teil, den Du rausfilterst.
Du musst ihn nicht gut finden; Du musst ihn nicht mögen. Du musst nur anerkennen, dass er da ist. Und dass er leidet. Nicht mehr und nicht weniger.
Irgendwann später, wenn das alles geschafft ist, wirst Du ihn verstehen. Ihn gern haben. Ihn und alle die Wesen da draußen in der Welt, die so sind wie er.
Denn in diesem einen Moment löst sich der Schmerz auf und entzieht dem Felsen in Dir den Boden.
Und Dein Meer plätschert sanft an Deine neu eroberte Küste.


Freitag, 5. Oktober 2012

Nachts um halbdrei...

Ich bin aufgewacht, weil die Gedanken in meinem Kopf schwirren wie wildgewordene Bienen beim unkontrollierten Schwärmen - wo war doch gleich die Königin?

Wie ein führerloses Motorboot auf Vollgas brechen die Sorgen - ganz banale, alltägliche, sinnlose Sorgen - ein in das Meer meiner Träume und stören die sanft plätschernden Wogen meines Schlafes.

Welcher Depp hat denn den Motor aufgedreht und wo, verdammt nochmal, ist der Kapitän?!

Ich hab ihn wohl selbst angelassen, den Motor, und der Sprit, der nie auszugehen scheint, sind die tausendunddreizehn sinnlosen Ängste, die ich in mir schüre. Und miserabler Kapitän, der ich bin, steh ich an den Gestaden meines Selbst und schau dem wildgewordenen Boot beim Wüten zu.

Ich greife zu dem Buch auf meinem Nachttisch - Quellen des Zen, ich habs von meinem Papa geerbt und mir gedacht, ich könnte es endlich einmal lesen - und schlage auf:

1. Koan: Joshus "Mu"
Ein Mönch fragte einmal Meister Joshu: "Hat ein Hund die Buddha-Natur oder nicht?"
Joshu sagte:"Mu!"

Na so was.
Was sagst Du dazu, Papa?

Um es kurz zu machen, auch nach der Lektüre der Einführung in das Gesamtwerk sowie der zu diesem speziellen Koan gehörigen Erläuterungen bin ich der Sache um keinen Millimeter näher gekommen. Es beschleicht mich lediglich der Gedanke, dass der große japanische Geist von damals doch etwas anders tickt als der meinige kleine heute.
Vielleicht lehnen sich die Meister solange gegen die Wand der Gedanken, bis sie niederbricht und den Weg freigibt zum wahren Wesen der Dinge, wer weiß...

Ich lehne mich eher gegen die Wand der Definition von Wo-höre-ich-auf-und-wo-fängst-du-an.
Das ist die Grenze, die verschwimmt und irgendwann verschwindet, wenn ich mich ganz auf die Energie eines anderen Lebewesens einlasse. Vielleicht gibt auch diese Wand schließlich den Weg frei zum wahren Wesen der Dinge, wer weiß...

Sollte ich dort, auf dem letzten Weg zum Kern der Sache, dem Meister Joshu begegnen, muss ich ihn aber trotzdem fragen, was es mit dem "Mu" auf sich hat.